Die Ausstellung "Quellen und Verweise" von Heidrun Sandbichler ist in der Galerie am Polylog bis 31. März zu sehen.Sandbichler

Seit 9. März: Ausstellung von Haidrun Sandbichler

Von 9. bis 31. März stellt die Künstlerin Heidrun Sandbichler in der Wörgler Galerie am Polylog ihre Ausstellung Quellen und Verweise aus.

WÖRGL "Quellen und Verweise führt gegen den Strom an Orte die auf andere Orte verweisen", so die Künstlerin in ihrem Konzepttext.  Um dann den Wahlspruch der Aufklärung zu zitieren: "Wage es, weise zu sein."

Quellen und Verweise ist der Titel einer der seltenen Einzelausstellungen von Heidrun Sandbichler in Tirol.  Die Konzeption der einzelnen Räume mit ihren vielschichtigen Bezügen zueinander verdeutlicht die Gedankenwelt der Künstlerin. Die gezeigten Arbeiten beeindrucken sowohl in ihrer Poesie wie auch in ihrer Bezugnahme auf die aktuelle politische und gesellschaftliche Situation. Sie gibt Einblicke in ihre Arbeitsweise, versucht das Geheimnis, das Kunst umgibt, zu wahren, es zu beschützen und kann gerade damit einen Beitrag zu aktuellen politischen Diskussion liefern. Dass sie es damit der Besucherin dieser Ausstellung nicht einfach macht, da sie sich den oft banalen Phrasen des kommerziellen Kunstbetriebes verweigert und eine sehr persönliche Handschrift offenbart, ist augenscheinlich und wohl auch die Qualität dieser Ausstellung.

In der Galerie am Polylog zeigt die Künstlerin Quellen ihrer Auseinandersetzung. Es sind künstlerische Notizen, die über Jahre entstehen und auf Vergangenes wie Zukünftiges verweisen und unterschiedliche Bedeutungsebenen beinhalten. Sandbichler legt keine abschließenden Ergebnisse vor, ihre Arbeit ist im Fluss, eine Niederschrift des Wahrgenommen und Gefühlten gleichermaßen.  Im Zentrum steht die Tinte als flüssiges Material. Diese bezieht sich auf die Schönheit der Schrift ebenso wie auf Propaganda und ihre Folgen.

Zu den einzelnen Arbeiten: Die Besucherin wird im Eingangsbereich der Galerie mit dem Gedicht „Mensch unter Menschen“  von Franz Hebenstreit konfrontiert: „Was ängstigt dich Kleinmut?“ Hebenstreit, der 1795 in Wien gehängt wurde war ein Mitglied der Wiener Jakobiner. Es sind zentrale menschliche Werte, die hier angesprochen werden und eine beklemmende Aktualität besitzen. An der Wand befindet sich eine Arbeit von Käthe Kollwitz zum Weberaufstand des Jahres 1844.  Mitte der Neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts griff sie das Thema auf und verlegte es in ihre Gegenwart. Nun wird es von Sandbichler in unserer Zeit fortgeführt.

Quellen und Verweise bezieht sich auch auf die beiden Bände zu den geistigen Epidemien, zentral für diese Schau wie für das gesamte Schaffen von Sandbichler der letzten Jahre. „De La Folie“ erschien 1845 in Paris und zeigt die Geschichte des Wahnsinns vom 15. bis zum 19. Jahrhundert. Wahnsinn und Wasser: Foucault schreibt 1973 in „Wahnsinn und Gesellschaft“ von den Narrenschiffen, die unerwünschte Personen von urbanen Zentren entfernten und woandershin verschifften. Er bezieht sich auf das 15. Jahrhundert, Quellen und Verweise auch hier von Vergangenem auf das Heute und Morgen. „De La Folie“ zeigt auf, wie die eigene Wahrnehmung des Menschen durch die Gesellschaft geprägt ist und somit der individuelle Wahn durch die Gesellschaft mitgestaltet wird. Sandbichler führt diese Diskussion noch weiter, zeigt die beiden Bände von „De La Folie“ in Spiegelschrift, die Interimsbindung verweist auf die Gegenwart und die zukünftige Weiterführung. Die Quelle wird zum Verweis auf unsere eigene Gesellschaft und thematisiert aktuelle Massenhysterien, geistige Epidemien und Verfolgung, die Vergiftung unserer Gesellschaft durch Worte und Taten. Neben den beiden Bänden von „De La Folie“ zeigt Sandbichler das Modell „Konstruktion des Abgrundes“. Die politischen Parolen unserer Zeit vergleicht die Künstlerin mit Bauwerken des Verderbens.

Der folgende Raum ist ausschließlich dem Elfenbeinturm gewidmet, ein Kleinod dieser sensiblen Gedankenwelt, zentral, in den Himmel ragend und doch nur ein 5 cm hohes Modell, das für das Geistige und für die Verbindung zum Nicht Sagbaren steht. Ein fragiles, unantastbares  Architekturmodell. „Die Schrift hat ihn erbaut“, so die Künstlerin, „in seiner Zerbrechlichkeit vereinigt er Himmel und Erde.“

Der Verband in Tinte getränkt, die Tintenspritze, das Wort, die Erkenntnis, die Droge, die Erweiterung der Sinne. Das Firmament in Tinte geschrieben, ein mit Tinte gefülltes Badehaus, die erhoffte Reinigung. Die Tinte, die Schrift, die Geschichte der Menschheit, die pechschwarze Flüssigkeit als Material und Inhalt gleichermaßen. Die Tinte als Erweiterung des künstlerischen und wissenschaftlichen Denkens im Sinne einer Neukonzeption von Wahrnehmung und politischen Handelns verstanden, als Forschungsmethode und Form, beide zusammen werden zum Träger von neuen Bedeutungen und weisen in eine mögliche Zukunft. Sandbichler zitiert Galen: „Die Vernunft lehrt uns das allgemeine Ziel der Heilung bei jedem Leiden, die Erfahrung die Kräfte des Stoffes.“

Der letzte Raum von Quellen und Verweise führt die Besucherin zu einer Auseinandersetzung mit Joseph Beuys. Sandbichler bezieht sich auf die Aktion von Beuys im Jahr 1965 „Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt“ und greift damit auch die vielschichtigen Bedeutungsebenen des Hasen in der Mythologie wie in den Religionen auf. Sie zeigt das Skelett des Hasen, Blattgold und Honig finden sich dort, wo Beuys in berührt hat. Materialien, die positiv belegt sind: Gold steht für Reinheit, für Weisheit, für die Sonne, Honig für Heilung und Wiederkehr. Somit wird in diesem Raum die Möglichkeit eines Heilungsprozesses angedeutet. „Nachdem der Rundgang beendet ist setzt sich Beuys auf einen Stuhl und beginnt, dem Hasen die Bilder eingehend zu erklären“ – so ein zeitgenössischer Bericht zu dieser Aktion.

Zur Person: Die Künstlerin, die in Rom lebt und arbeitet, kann international auf zahlreiche Projekte und Veröffentlichungen verweisen, so auf  Ausstellungsbeteiligungen wie „Cella“ in Rom, „opera austria“ im Centro Luigi Pecci in Prato, „Gegenwelten“ auf Schloß Ambras oder die Personale „Die geistigen Epidemien. Das Feuer. Der Tod“ in der Galleria il museo del Louvre in Rom. Zuletzt  zeigte sie „Eine Arbeit zur allgemeinen Theorie der Dressur“ in der Galerie allerArt in Bludenz (2018). Sandbichler erhielt 2015 den Innsbruck International Special Recognition und war mit mehreren zentralen Arbeiten bei dieser Biennale vertreten.