Heim-Bewohner, über 80-jährige, Pfleger, medizinisches Personal sollen zuerst den Impfstoff erhalten. Symbolbild aus dem Bezirkskrankenhaus Kufstein: Primar Zabernigg wird von Primar Trips geimpft.BKH Kufstein

Impf-Debatte: Details zum Fall Kramsach

In einigen Gemeinden haben sich Bürgermeister, Gemeinderäte und teils deren Familien-Mitglieder bereits impfen lassen. Für Funktionäre und Personal mit Aufgaben in den Heimen nachvollziehbar, bei Familien-Mitgliedern und Gemeinderäten Anlass für Kritik.

TIROL/KRAMSACH Ein österreichweiter Impfskandal für die einen, "hätten wir es wegschütten sollen?", sagen die anderen. "Bürgermeister und Kommunal-Politiker sind noch nicht dran!", heißt es zur aktuellen Impf-Debatte von Bund und Land. Bürgermeister mit Funktion im Seniorenbereich, Gemeinde-Bedienstete, Freiwillige oder Sprengel-Personal mit tatsächlichem Kontakt zu Heimbewohnern zu impfen, ist durchaus sinnvoll. Bei Gemeinderäten, deren Familien-Mitgliedern und lokalen C-Promis wird das Argumentieren schon schwieriger.

Kritik an Impfung in Kramsach

Nach Bekanntwerden der Fälle in Kematen und Kirchbichl gingen zur Gemeinde Kramsach sehr viele Anrufe in der Redaktion ein. Der Kreis an geimpften Außenstehenden und Kommunal-Politikern mit Familien-Mitgliedern soll hier groß sein. Der Redaktion wurde von verschiedenen Anrufern eine ganze Reihe an Namen genannt, unter anderem: Bürgermeister Hartl Zisterer mit Frau, Vize-Bürgermeisterin Karin Friedrich (sie war für eine Stellungnahme nicht erreichbar) und weitere Mitglieder der Bürgermeister-Liste und/oder deren Familien-Mitglieder, was teils bereits bestätigt wurde.

Harte Worte von GR Gang

Gemeinderat Andreas Gang (FPÖ) verurteilt die Impfung von Nicht-Risikopatienten scharf:  "Seit Monaten werden wir eingesperrt, um die besonders gefährdeten Menschen zu schützen. Und in Kramsach kommen Leute dran, die absolut nichts in der ersten Reihe zu suchen haben." Außerdem findet Gang es „unverantwortlich“, dass erst kurz vor der Impfung Leute, "offenbar einige aus dem Umfeld der Bürgermeister-Liste", angerufen wurden. Kramsacher Risiko-Patienten, die sich teils sogar als impfwillig registrieren haben lassen, hätten sich bei Gang darüber beschwert, dass man sie nicht verständigt hat. "Warum ruft man nicht die an, anstatt Gemeinderäte, vielleicht sogar mit Familienanhang, zu impfen?", ärgert sich Gang.

Bürgermeister nimmt Stellung

Bgm. Hartl Zisterer (Bürgermeisterliste, ÖVP) sagt dazu: "Ich wurde angerufen, es gäbe mehr Impfdosen und ich könne impfen gehen. Ich sagte zu, weil ich auch immer wieder im Altersheim bin. Im Nachhinein betrachtet, ein Fehler! Hätte ich gewusst, dass das solche Wellen schlägt, hätte ich abgelehnt. Aber was hätte man mit dem überschüssigen Impfstoff machen sollen? Wegschütten...? Außerdem sagte ich, ich nehme es nur an, wenn dadurch kein anderer warten muss." Auf die Frage, ob seine Frau auch geimpft wurde, sagt Zisterer: "Ja, weil meine Frau ehrenamtlich im Altersheim arbeitet, damit ist sie auch berechtigt."
In einer Gemeinde-Mitteilung heißt es, man habe sich nicht vorgedrängelt, man wollte nur den Impfstoff nicht wegwerfen.

Geimpft wurde auch Oppositions-Gemeinderat Fritz Widmann (Liste Gemeinsam für Kramsach, GFK). Er schildert: "Ich wurde von GR Thomas Wurzenrainer von der Bürgermeister-Liste angerufen, was ich etwas seltsam fand. Für mich sei noch Impfstoff da, ich solle impfen kommen. Ich habe zunächst abgelehnt. Dann wurde ich nochmal angerufen für den zweiten Impf-Tag. Weil ich Risiko-Patient bin, habe ich dann angenommen." Als "Alibi-Oppositioneller" (er ist offenbar der einzige geimpfte Gemeindrat außerhalb der Bürgermeisterliste) sei er als Risiko-Patient aber "nicht geeignet", sagt er.

Die Impfungen fanden Mitte Jänner im Wohn- und Pflegeheim statt. Am Freitag, 5. Februar, folgte offenbar die zweite Impfung...

Kramsach: Ca. 240 Impfungen, 92 für Bewohner und Personal

Heimleiter Gerald Stock erklärt, man habe 200 Impf-Dosen bestellt und es sei gelungen, pro Einheit 6 statt 5 Dosen zu ziehen. Das wären etwa 240 Impf-Dosen. 52 Bewohner hat das Heim, 50 wurden laut Bgm. Zisterer geimpft. Geimpft wurden auch 42 Heim-Mitarbeiter. Macht 92. Auch den 8 Mitarbeitern des Sozial-Sprengels wurden Impfungen angeboten, ein Teil hat angenommen. Bleiben etwa 145 Dosen übrig. Auf die Frage, was damit geschehen sei, erklärt Stock, Kramsach habe etwa 140 ehrenamtlich Tätige. Ihnen habe man die Impfung angeboten und ein großer Teil hätte diese angenommen. Auf die Frage, ob alle geimpften Gemeinderäte und deren Familien-Mitglieder ehrenamtlich tätig seien, sagt Stock: "Nein", diese habe man mit dem "Rest" geimpft.

Dazu Bürgermeister Zisterer: "Der Rest musste ja schnell verimpft werden..." Zisterer erklärt, aufgrund des Zeitdrucks habe man dann angerufen, wen man eben noch schnell hätte mobilisieren können. Einige seien auch unaufgefordert gekommen, weil sie von der Impfung erfahren hätten. Auch ein Teil von ihnen konnte geimpft werden. Erklärung der Gemeinde siehe unten.

Wie wurde der Rest verteilt?

Wirtschaftsbund-Bezirks-Vize GR Wolfgang Schonner (GFK): "War die Heimleitung befugt, Impfdosen willkürlich an Personen zu verteilen, egal ob sie zur vorgegebenen Risikogruppe gehören oder nicht? Z.B. Gemeinderäte und deren Angehörige, Mitarbeiter, Bekannte und andere. Wer hatte dazu die Ermächtigung erteilt? Von Anlieferung bis Impfung hätte man genügend Zeit gehabt, über 80-jährige zur Impfung zu holen!" Schonner fragt sich, warum man überschüssige Dosen nicht  durch die örtlichen Ärzte verteilen ließ, wie in anderen Gemeinden. "Für mich hat hier der Bürgermeister die Letztverantwortung. Mein Apell: In Zukunft nicht mehr nach dem Motto 'das eigene Hemd ist mir näher' arbeiten!"

Weitere Informationen:

Presse-Mitteilung der Gemeinde als PDF

Presse-Mitteilung GR Wolfgang Schonner als PDF

Bericht ROKU - "Impfen: Wer kommt zuerst? Regeln gefordert!"

Bericht KRONE -  "Impfung für Politiker - neue Vorwürfe mit Brisanz"


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