Während der Vorbereitung stehen zwei bis drei Konditionseinheiten pro Trainingstag an der Tagesordnung von Eva-Maria Brem.TECHNOGYM

Brem: "Sportler ist eigenes Unternehmen"

Der Spitzensport hat Eva -Maria Brem viele Kompetenzen gelehrt, die auch im Berufsleben sinnvoll sind. Welche das sind, erklärt sie im großen ROFAN-KURIER-Interview.

MÜNSTER Die aktuelle Skisaison steht in den Startlöchern, was liegt dann ferner, als eine der besten ÖSV-Damen, die ehemalige Riesentorlauf-Weltcup-Siegerin Eva-Maria Brem zu einem kurzen Interview zu bitten:

ROFAN-KURIER: "Welche Erwartungen hast du an diese Saison?"
Eva-Maria BREM: "Nachdem ich mit Ende der letzten Saison wieder den Anschluss an die Weltspitze geschafft habe, möchte ich mich wieder konstant dort festigen und den nächsten Schritt ganz an die Spitze schaffen."

ROKU: "Wir möchten in dem Interview etwas auf die Jobaussichten der Leistungssportler eingehen. Welche Erfahrungen hast du in diesem Bereich machen können?"
BREM: "Da ich mich durch meine Ausbildung beim Zoll und meinem Fernstudium ein wenig mit dem Thema Weiterbildung beschäftige, merke ich, dass mich der Leistungssport sehr viele Kompetenzen gelehrt hat."

Die Saison beginnt für Eva-Maria Brem am Samstag, 26. Oktober. © privat

ROKU: "Welche sind das?"
BREM: "Zum Beispiel sich neuen Situationen schnell anzupassen, seine Ziele zu erreichen, Aufgaben auch gegen Widerstände zu erledigen usw. Außerdem ist es als Leistungssportler ja so, dass jeder Sportler sein eigenes Unternehmen führt. Viele wichtige Management-Kompetenzen werden von einem Leistungssportler automatisch angewendet."

ROKU: "Wie sieht bei dir die berufliche Situation genau aus?"
BREM: "Ich bin als Spitzensportlerin und Skirennläuferin selbstständig. Gleichzeitig bin ich in der glücklichen Lage, dem Zollkader anzugehören. Nebenher absolviere ich gerade ein Fernstudium im Bereich Sportmanagement."

ROKU: "Das lässt sich vermutlich am leichtesten in der Zwischensaison vereinbaren?"
BREM: "Vor allem da ich die Ausbildung beim Zoll bereits vor vier Jahren abgeschlossen habe und jetzt einen Großteil des Jahres für die Ausübung meines Sportes vom Dienst freigestellt bin."

BMF fördert 30 Spitzensportler

ROKU: "Wie hast du deine Prioritäten gesetzt?"
BREM: "Die sportliche Laufbahn steht immer an erster Stelle. Das Studium muss nebenher möglich sein. Alles andere wäre schlichtweg unmöglich. Wenn man im Skiweltcup erfolgreich sein will, bleiben keine zeitlichen Kapazitäten mehr für andere Dinge."

ROKU: "Während der Saison klingt das logisch, aber in der Zwischensaison...?"
BREM: "Die Wettkampfsaison verlangt einem Sportler alles ab. Im Sommer habe ich Trainingstage mit zwei bis drei Konditionseinheiten pro Tag. Da bleibt dann nicht mehr viel Zeit übrig.“

ROKU: "Du hast erwähnt, dass das Bundesministerium für Finanzen Förderplätze für Spitzensportler hat?"
BREM: "Korrekt, das BMF hat derzeit 30 Spitzensport-Förderplätze für ganz Österreich, die unter den Sparten Alpin, Nordisch und Para-Sportler aufgeteilt sind."

ROKU: "Sind dir noch weiter Programme bekannt, die Profisportler nach der Karriere in die Arbeitswelt integrieren?"
BREM: "In Österreich gibt es als Sportförderung die Optionen Bundesheer, Polizei und Zoll. Diese Programme ermöglichen den Spitzensport in Österreich überhaupt erst und gleichzeitig bieten sie den dort aufgenommen Sportler der Chance, nach seiner aktiven Karriere direkt in die Arbeitswelt einzusteigen.“

ROKU: "Würdest du sagen, dass Profisport und herkömmliche Arbeit, sei es auch nur in Teilzeit zusammen möglich sind?"
BREM: "Diese Frage ist pauschal schwierig zu beantworten. Wenn aber mit Profisport gemeint ist, in der Weltklasse ganz vorne mitzuspielen, ist es freilich schwer. Neben den Aufwand, der ein Sport mit sich bringt, vor allem wenn man erfolgreich und die ausgeübte Sportart auch noch populär ist, gehen sehr viele berufliche Verpflichtungen abseits vom Sport einher."

ROKU: "Die da wären?"
BREM: "Zum Beispiel Sponsoren-Termine, Medienarbeit etc. Die lassen eigentlich keine zeitlichen Möglichkeiten mehr über."

Eva-Maria Brem: "Sport ist die beste Lebensschule!"

ROKU: "Was kannst du den Profisportlern der nächsten Generation raten?"
BREM: "Generell denke ich, dass Sport für Kinder und Jugendliche die beste Lebensschule ist. Ganz egal, ob daraus irgendwann Spitzensport resultiert oder nicht, lernen sie zu gewinnen und zu verlieren sowie sich in einem Verein oder in einer Mannschaft zu behaupten. Oder auch mal selbst hinten anzustellen, falls nötig."

ROKU: "Wenn jemand gut ist, kann er Spitzensportler werden?"
BREM: "Für den Spitzensport braucht es sicherlich ganz spezielle Charaktereigenschaften. Da spielen Fragen wie man als Sportler und Mensch mit Druck, Niederlagen und Erfolg umgeht sicher eine wesentliche Rolle. Ich bin der Meinung, dass jeder Spitzensportler, der es in seinem Sport an die Weltspitze geschafft hat, mit hoher Wahrscheinlichkeit über Charaktereigenschaften verfügt, die für jede Branche und für jedes Unternehmen von Vorteil sein können."

ROKU: "Was sollte deiner persönlichen Meinung nach in der Thematik Profisport und Arbeit gemacht werden?"
BREM: "Ich finde, wir haben mit dem Bundesheer, Zoll und der Polizei grundsätzlich ein super Fördersystem in Österreich. Das braucht es aber auch, um im internationalen Vergleich konkurrenzfähige österreichische Sportler zu sehen. Trotzdem würde ich es interessant finden, auch das amerikanischen Modell bei uns einmal zu denken oder einem dementsprechenden Versuch in Österreich zu starten."

ROKU: "Wie funktioniert das amerikanische Modell?"
BREM: "Sportstipendium in Verbindung mit einer Universitätsausbildung, so funktioniert das System in den USA. Wie in den Staaten könnten dann die besten Sportler des Landes mit den gescheitesten Köpfen gemeinsam an einer Universität studieren. Ich denke, das könnte sich für unser Land gesamt positiv auswirken."

ROKU: "Vielen Dank für das Gespräch!"