Die Corona-Ampel ärgert viele Bürger. Einige Touristiker sehen darin den Grund für Reisewarnungen...Screenshot: ROFAN-KURIER

CORONA-Ampel: Die Schwächen im System...

Die aktuelle Entwicklung hat die CORONA-Ampel praktisch überholt. Doch wenn sich die Lage entspannt, kann sie für lokale Beurteilungen wieder bedeutend sein. Das System hinter der Ampel wird indessen scharf kritisiert.

ÖSTERREICH/TIROL Ende September ist der Bezirk Kufstein mit nur 45 Positiven "orange": "Hohes Risiko"! Andere Bezirke mit gleicher Infektions-Zahl pro 100.000 Einwohner bleiben "grün".

Jetzt, Anfang November ist ohnehin fast alles rot. Regionale Maßnahmen waren gestern: Die Bundesregierung schickt ganz Österreich in den Teil-Lockdown. Wenn sich die Lage entspannt, kann die Ampel aber wieder ein Mittel für die Steuerung von regional unterschiedliche Maßnahmen sein. Doch das System hinter der Ampel macht viele Leute wütend, weil die Prozesse dahinter nicht mehr nachvollziehbar sind.

Insider sagt: "Theoretiker am Ruder!"

Im Gespräch mit einem Insider erklärt dieser, dass im Gesundheits-Ministerium die Theoretiker das Ruder übernommen hätten. Die Vertreter der praktischen Klinik-Medizin kämen mit ihren Argumenten kaum durch. Zudem fehle Gesundheitsminister Rudolf Anschober (GRÜNE) die „Kampfmannschaft“. Er habe kein krisenerprobtes Team: Altgediente Experten hätten teils schon unter türkis-blau den inneren Kreis verlassen, weitere nach Anschobers Dienstantritt. Kürzlich haben nun auch die Wiener Virologin Dr. Elisabeth Puchhammer-Stöckl und der Tiroler Infektiologe Dr. Günter Weiss "aus zeitlichen Gründen" die Ampel-Komission verlassen. Zwei von fünf unabhängigen Experten fehlen damit.

Was bei der Ampel schief läuft

Die CORONA-Ampel hätte ein Instrument sein sollen, mit dem man auf Zahlen basierend die Maßnahmen auf Bezirks-Ebene steuern kann. Ein Instrument gegen einen generellen Lock-Down, weil man so auf regionale Cluster reagieren kann. Ein weiterer Effekt: Die Landes- und Bezirksbehörden wären nicht direkt für Maßnahmen verantwortlich: Die Bundes-Ebene wäre für die Entscheidungen gerade gestanden.

Die magischen 50

50 Neu-Infektionen pro 100.000 Einwohner in 7 Tagen. Das ist die  kritische Größe. Ab dieser Ansteckungs-Zahl wird ein Bezirk "orange". Dieser Wert wurde nicht in Österreich erfunden, er gilt international als kritische Grenze. Dass diese Zahl aber für die deutsche Reisewarnung herangezogen wird, halten Kritiker jedoch für nicht korrekt: Man müsse weitere Faktoren berücksichtigen.

Was beim Ampel-System "vergessen wurde"

Laut Insidern wird beim Ampel-System die Zahl der positiv Getesteten nicht ausreichend auf den Einwohner-Gleichwert abgestimmt: Nicht jeder Positive hat hier seinen Hauptwohnsitz (Touristen, Gastarbeiter...). Wichtig wäre es, in der Berechnung auch die Relation der Positiven zur Zahl der Hospitalisierungen (Grad der Hospitalisierungen) ausreichend zu berücksichtigen. Mehr einfließen müsste laut Kritikern die Zahl der Tests. Mehr Tests pro 100.000 Einwohner bedeutet zwingend mehr Positive.

Das sei laut dem Insider, der mit dem ROFAN-KURIER sprach, bei weitem nicht ausreichend in das Ergebnis einberechnet. Man kann also 50 Positive bei 1.000 Tests nicht mit 50 Positiven bei 10.000 Tests vergleichen. Nicht zuletzt werden COVID-Positive über 60 in der Zählweise massiv höher gewichtet. All dies stelle ein Problem bei der Farbgebung dar. Wichtige Faktoren wie diese fänden laut den internen Infos aber noch zu wenig Beachtung in der Berechnung.

Von Maßnahmen entkoppelt

Zudem wollte man mit der Ampel auch ein einheitliches Maßnahmen-Paket verbinden. Doch dann wurden die Ampel-Farben von den Maßnahmen getrennt, weil Theorie und die Praxis nicht zusammenpassen. Damit schob man zumindest bis Anfang November die Verantwortung wieder auf die Bezirke und Länder.

Aktuell wird die Ampel jeden Freitag neu geschalten. Es ist aber der Bevölkerung laut Kritikern auch nicht zumutbar, dass die Maßnahmen wöchentlich gewechselt werden. "Da kennt sich keiner mehr aus...", heißt es.

Gesundheits-Landesrat DI Tilg nimmt Stellung

ROFAN-KURIER: "Stimmt es, dass die Ampel die Daten wie Einwohner-Gleichwert, die Anzahl der Tests oder auch den Grad der Hospitalisierung/Schwere der Krankheit nicht oder zu wenig berücksichtigt?"
LR DI Bernhard TILG: "Derzeit kommen vier Analyse-Dimensionen zum Einsatz, die sich jeweils in mehrere Indikatoren gliedern: '7-Tages-Fallzahl', 'Fälle mit geklärter Quelle', 'Tests je 100.000 EinwohnerInnen' und 'vorhandene und benötigte medizinische Versorgungskapazitäten'. Die aktuelle Belegung auf Normal- und Intensivstationen sowie die aktuelle Auslastung der vorhandenen Spitalskapazitäten wird berücksichtigt. Der Einwohnergleichwert, der für ein Tourismusland wie Tirol wichtig ist, wird nicht abgebildet."

Gesundheits-Landesrat DI Bernhard Tilg (ÖVP) bestätigte im Gespräch mit dem ROFAN-KURIER einen Teil der internen Infos aus Wien... © Land Tirol

ROKU: "Finden Sie es gut, dass die Maßnahmen von den Ampel-Farben entkoppelt wurden?"
LR TILG: "Dieser Schritt war vielleicht ein Schritt zu schnell, da er die Zweckmäßigkeit der Ampel relativiert. Auf der anderen Seite hat die Bundesregierung versucht, die Awareness und die Achtsamkeit zu erhöhen und die Bevölkerung zu sensibilisieren."

ROKU: "Ist das Ampel-Modell zu theoretisch, zu wenig nachvollziehbar?"
LR TILG: "Das Ampel-Modell ist natürlich komplex – hat aber mit guter Absicht gestartet. Maßnahmen müssen für die Bevölkerung jedoch gut nachvollziehbar und erklärbar sein, sonst machen die Leute irgendwann nicht mehr mit."

ROKU: "Was sagen Sie zur wöchentlichen Schaltung der CORONA-Ampel?"
LR TILG: "Ein wöchentlicher Farbenwechsel in einem Bezirk ist der Bevölkerung sehr schwierig zu erklären und schafft eher Verwirrung. Um positive Effekte zu bewirken braucht es Nachhaltigkeit – vor allem in Bezug auf gesetzte Maßnahmen um die Infektionszahlen nach unten zu bringen."

ROKU: "Ihre Meinung: Was sagen Sie zum Ampel-System allgemein?"
LR TILG: "Grundsätzlich ist die Idee der Ampel gut. Die Entkopplung der Farben von den damalig beschriebenen Maßnahmen der Bundesregierung war eventuell zu schnell. Wichtig ist, dass wir die Bevölkerung mitnehmen und die Maßnahmen gut erklärbar sind! Die Einführung der Corona-Ampel war ‚Neuland‘ für Österreich – nachher ist man meist g‘scheiter. Das gilt auch in diesem Fall..."


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